top of page

KI-Adoption im Bau: Warum Gewohnheiten entscheiden

12. Okt.
5 Min. Lesezeit

Die Schweiz gehört in der KI-Forschung zur Weltspitze, in der praktischen Anwendung liegt sie zurück: Weniger als 5 Prozent der Erwerbstätigen nutzen KI produktiv im Alltag, so die Schätzung eines Referenten an einem C-Level-Event zu Künstlicher Intelligenz. Die grösste Hürde ist dabei nicht die Technologie, sondern die Gewohnheit. Wie Bauunternehmen diese Hürde nehmen: allen eine faire Chance geben, die Nutzung messen und mit den offensten 30 bis 50 Prozent der Belegschaft starten.

Wir waren kürzlich an einem C-Level-Event zu KI mit Führungskräften aus Telekommunikation, Versicherung und Industrie. Auffällig war, worüber am meisten gesprochen wurde: nicht über Modelle und Technik, sondern über Menschen.

Denn an der Technologie scheitern KI-Projekte selten. Sie scheitern daran, dass niemand seine Arbeitsweise ändert. Dieser Artikel fasst zusammen, was grosse Unternehmen daraus gelernt haben und was Bauunternehmen davon übernehmen können.


Grafik zur KI-Einführung im Bauunternehmen. Über einer Reihe von zehn gleich grossen Blöcken steht die Aussage: Die Hürde ist nicht die Technik, es ist die Gewohnheit. Vier der zehn Blöcke sind dunkel gefüllt und stehen für die offensten 30 bis 50 Prozent der Belegschaft, die starten, messen und die Belege liefern. Die übrigen sechs Blöcke bleiben hell und stehen für alle anderen, die sichtbaren Ergebnissen folgen statt einer Ansage von oben. Quelle: Empfehlung aus dem Podium am AI-Strategie-Forum 2026.

Wie steht es um die KI-Adoption in der Schweiz?

Die Schweiz ist stark in der Forschung und schwach in der Anwendung. Spitzenuniversitäten, viele Publikationen und eine lebendige Startup-Szene stehen einer kleinen Minderheit gegenüber, die KI im Arbeitsalltag produktiv einsetzt. Der Referent am Event schätzte diese Gruppe auf weniger als 5 Prozent der Erwerbstätigen. Die restlichen 95 Prozent bleiben vom Produktivitätsgewinn bisher abgekoppelt.

Seine Warnung dazu: Wohlstand und früherer Erfolg garantieren keine Zukunft, wenn sich die Spielregeln ändern. Wer nur forscht und nicht anwendet, überlässt den Vorsprung anderen.

Für die Bauindustrie ist die Lücke besonders gross. Viele Betriebe arbeiten im Angebotsprozess mit Konzepten aus den Neunzigern, wie unsere Analyse zur Bausoftware aus 1997 zeigt. Darin liegt auch eine Chance: Wer als Bauunternehmen jetzt ernsthaft einsteigt, verschafft sich einen messbaren Vorsprung bei Aufwand und Angebotsqualität.


Warum scheitert die KI-Einführung an Gewohnheiten und nicht an der Technik?

Weil Arbeitsroutinen stärker sind als jedes Werkzeug. Ein Versicherungsmanager brachte es am Event auf den Punkt: Menschen stehen jeden Morgen gleich auf, trinken denselben Kaffee und arbeiten danach in denselben Abläufen weiter. Diese eingespielten Muster zu verändern ist die eigentliche Arbeit der KI-Einführung, nicht die Installation einer Lösung.

Erfahrene Mitarbeitende trifft das doppelt. Sie haben über Jahre Routinen aufgebaut, die sie erfolgreich gemacht haben. Ein Teil dieser Routinen muss nun bewusst verlernt werden, und das fühlt sich zunächst wie ein Rückschritt an.

Im Bau kommt der Zeitdruck dazu. Mitten in der Submissionsphase probiert niemand neue Abläufe aus. Deshalb lohnt es sich, die Einführung bewusst in ruhigere Phasen zu legen, etwa in den Sommer oder den Jahresbeginn, statt sie zwischen zwei Abgabeterminen zu quetschen.


Was zählt mehr: Erfahrung oder Einstellung?

Auf dem Podium war die Antwort deutlich: die Einstellung. Neugier, Verantwortungsgefühl und ein klarer Blick auf den Nutzen entscheiden darüber, wer mit KI produktiv wird. Mehrere Führungskräfte berichteten von Berufseinsteigern, die erfahrene Kollegen überholten, weil sie unvoreingenommen an die Werkzeuge herangingen.

Eine Technologieverantwortliche formulierte es so: Sie stellt heute Leute ein, die einen Ablauf von Anfang bis Ende verstehen wollen und sich für das Resultat verantwortlich fühlen, nicht nur für ihren Teilschritt.

Für den Bau braucht diese Aussage eine wichtige Ergänzung. Fachwissen bleibt die Grundlage, denn wer KI-Befunde zu Verträgen oder Leistungsverzeichnissen freigibt, muss sie fachlich beurteilen können. Die stärkste Kombination sind erfahrene Fachleute mit offener Haltung.

Gerade deshalb ist es riskant, mit der Einführung zu warten, bis die erfahrensten Kalkulatoren in Pension gehen. Ihr Wissen sollte vorher systematisch erfasst werden, damit es dem Betrieb erhalten bleibt. Warum dieses Wissen das eigentliche Engpass-Thema ist, beschreibt unser Beitrag zum Fachkräftemangel im Bau.


Wie finden Sie die richtigen Leute für den Start?

Geben Sie zuerst allen die gleiche Chance, und beobachten Sie dann die tatsächliche Nutzung. Der Gründer einer AI Business School empfahl am Event genau diese Reihenfolge: alle Mitarbeitenden befähigen, die Nutzung und die Resultate messen, und anschliessend die offensten 30 bis 50 Prozent als Verbündete für die weitere Einführung gewinnen.

Der Ansatz hat zwei Vorteile. Er ist fair, weil niemand vorab abgeschrieben wird. Und er ist transparent, weil sichtbar wird, wer die neuen Möglichkeiten wirklich nutzt, statt dass Sympathien entscheiden.

Ehrlich war der Referent auch bei den Grenzen: Selbst in seinem eigenen KI-Unternehmen konnte sich nur rund die Hälfte der Entwickler auf die neue Arbeitsweise umstellen. Wer für den eigenen Betrieb mit realistischen Quoten plant, erspart sich Enttäuschungen.

Wichtig ist deshalb: Nicht alle müssen am ersten Tag mitziehen. Die Verbündeten der ersten Stunde liefern die Erfolge, und sichtbare Erfolge überzeugen die Skeptiker besser als jede Ansage von oben.

Wie weit das führen kann, zeigte ein weiteres Beispiel aus dem Panel: Ein Konzern brachte ein internes KI-Werkzeug auf über 22'000 Nutzende, und rund ein Fünftel davon wurde zu aktiven Mitgestaltern, die eigene Anwendungen für ihre Teams entwickelten.


Welche Rolle spielt die Führung bei der KI-Adoption?

Die Führung setzt den Massstab. Wer als Geschäftsführer erklärt, für KI fehle neben dem Tagesgeschäft die Zeit, gibt dem ganzen Betrieb die Erlaubnis, es genauso zu halten. Sichtbare eigene Nutzung wirkt stärker als jede Schulungsoffensive. Darin waren sich am Event alle Branchen einig.

Ein Panelteilnehmer beschrieb das Dilemma offen: Entscheidungsträger in den Fünfzigern haben volle Agenden und wenig Lust, sich nochmals als Anfänger zu fühlen. Genau deshalb sei das eigene Lernen nicht delegierbar, zumindest nicht vollständig.

Eine Zahl vom Event passt dazu: Nur rund 30 Prozent der Topentscheider setzen laut dem Referenten zuerst auf die Befähigung der eigenen Leute, rund 70 Prozent kaufen lieber fertige Einzellösungen ein. Nachhaltige KI-Adoption entsteht aber erst, wenn beides zusammenkommt: fähige Leute und passende Werkzeuge.

Zur Führungsaufgabe gehört auch, Unsicherheit offen anzusprechen. Die Fragen der Mitarbeitenden sind berechtigt: Was bedeutet das für meine Stelle, was muss ich neu lernen, was darf ich verlernen? Wer darüber spricht, was funktioniert und was nicht, schafft Stabilität im Wandel.

Und es braucht klare Leitplanken. Eine interne Richtlinie regelt, welche Werkzeuge mit welchen Daten genutzt werden dürfen. Die Grundlagen dazu finden Sie im Artikel KI und Datenschutz im Bau.


Wie starten Bauunternehmen konkret mit der KI-Einführung?

Mit einem Prozess, einem kleinen Team und einer Messgrösse. Der Angebotsprozess eignet sich als Startpunkt, weil der Aufwand pro Ausschreibung messbar ist und Resultate schnell sichtbar werden. Ein Pilotteam aus offenen Mitarbeitenden testet im Alltag, misst die Wirkung und berichtet dem Rest des Betriebs.

In der Praxis bewährt sich diese Reihenfolge:

  • Befähigen: Alle erhalten Zugang, eine kurze Schulung und Raum zum Ausprobieren, ohne Bewertung in den ersten Wochen.

  • Messen: Stunden pro Submission, Nutzungsquote und Qualität der Resultate werden festgehalten, vorher und nachher.

  • Verbündete gewinnen: Die offensten 30 bis 50 Prozent bilden das Pilotteam und teilen ihre Erfolge intern.

  • Skalieren: Was sich bewährt, wird zum Standard im strukturierten Angebotsprozess für alle Projekte.

Als Richtwert für die Erwartungen: In rund 70 realen Projekten lag die Aufwandreduktion in der Submissionsbearbeitung bei etwa 60%. Solche Zahlen überzeugen intern mehr als jedes Strategiepapier.


Der nächste Schritt

Wenn Sie wissen möchten, wie ein Pilotprojekt im Angebotsprozess konkret aussieht, zeigen wir es Ihnen an einem Ihrer eigenen Dossiers.

30 Minuten, keine Vorbereitung nötig. Sie bringen eine Ausschreibung mit, wir zeigen den Ablauf.



Häufige Fragen zur KI-Adoption

  • Warum scheitern KI-Projekte in Unternehmen?

    • Selten an der Technik. Häufigste Ursachen sind unveränderte Arbeitsroutinen, fehlende Vorbilder in der Führung, unklare Regeln zur Nutzung und fehlende Messung der Wirkung. Wer nur eine Lösung einführt, ohne den Alltag der Mitarbeitenden zu verändern, erhält Lizenzkosten ohne Produktivitätsgewinn.

  • Müssen alle Mitarbeitenden sofort KI nutzen?

    • Nein. Bewährt hat sich der Start mit den offensten 30 bis 50 Prozent der Belegschaft als Pilotgruppe. Wichtig ist, dass vorher alle die gleiche Chance und Schulung erhalten. So entsteht Fairness, und die Pilotgruppe wird anhand tatsächlicher Nutzung ausgewählt statt nach Sympathie.

  • Wie gehen Sie mit Skeptikern um?

    • Ernst nehmen, nicht bekehren. Skepsis beruht oft auf berechtigten Fragen zu Stelle, Qualität und Datenschutz. Am besten wirken sichtbare Resultate aus dem eigenen Betrieb: Wenn das Pilotteam pro Submission messbar Stunden spart und Risiken früher findet, folgen viele Skeptiker von selbst.

  • Welche Fähigkeiten werden für Mitarbeitende wichtiger?

    • Drei Dinge: Resultate beurteilen können, präzise formulieren, was die KI liefern soll, und die Bereitschaft, laufend dazuzulernen. Fachwissen bleibt die Basis, denn ohne Baukompetenz lassen sich KI-Befunde weder prüfen noch verantworten. Reine Routinetätigkeiten verlieren dagegen an Gewicht.

  • Wie lange dauert eine KI-Einführung im Bauunternehmen?

    • Ein Pilotprojekt im Angebotsprozess liefert nach wenigen Wochen erste messbare Resultate. Die Verankerung im ganzen Betrieb dauert je nach Grösse mehrere Monate, weil sich Gewohnheiten nur über Wiederholung ändern. Entscheidend ist ein fester Rhythmus: messen, teilen, nachjustieren.

bottom of page